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Qualitätsdada swingt. Na und ob!

Qualitätsdada swingt. Na und ob!
– Ein Abend mit improvisierter Einleitung

Die Anna Blume von Schwitters ist vielen bekannt. Und nicht nur sie. Wie Dada heute vorgetragen wird, dafür war der Abend im FREIRAUM in Köln-Sülz die wahre Sternstunde. Gut besucht, aufmerksames Publikum. Man ging spät höchst erfrischt nach hause.

Soll man doch nicht sagen alle Leute scheuten heute, der Kultur unserer Sprache nachzugehen oder wilden musikalisch-sprachlichen Experimenten, wie der hier schon bekannte Holger Mertin sie angezettelt hat. Man geht weg und denkt: Wunderbar, klappt doch noch, wenn auch die Analphabeten schaurig zunehmen. Das Publikum machte mit, sprach sogar im Chor die Urlaute von Schwitters und fast das ganze Simultangedicht Kaa gee dee unter Regie des magischen Walter L. Mik mit, begleitet vom hochsensiblen Bassisten Marcus Quabeck. Das Trio ohnegleichen rief die wildesten Assoziationen hervor! Deren Programm swingt, und ‚da Dada‘, swingt es nicht etwa ‚anders‘! Denn das gibt es ja nicht, es gibt nur ‚ob oder ob nicht‘.

Dadatexte leben vom Wagnis, vom Einfall, von der Unbeschränktheit des Möglichen und vor allem vom Rhythmus. Das Wagnis ist gespickt mit überraschenden Wortkompositionen höchst eigener Logik, das alles fällt in den Besucher ein wie eine fremdländische Wetterlage. Päng, und soll auch so sein. Die Worte, gebrochen und geflickt, hochgezückt wie Messer, klingelnd wie Kuhglöckchen, ramponiert und eigensinnig, sie spielen sich auf wie unsterbliche Protagonisten und scheinen in der allerfrechsten Manier zu rufen: Im Anfang war das Wort, und damit Astala Basta!

Aber wir hören nichts aus der Bibel, sondern die Wolkenpumpe von Hans Arp, die Neurunenfuge von Otto Nebel, Karawane von Hugo Ball. Aber auch die Galgenlieder von Morgenstern, die in die Sternstunde hier gut passen. Diese Vorstellung war Knochenarbeit und kommt herübergeflogen wie leichtsinniger himmlischer Unfug. Sie drehen sogar den Bass herum!

Beim Thema Seepferdchen und Flugfische von Ball macht unser Holger, dessen Geräte und Schüsseln, Becken, Stöcke, Pumpen auf der Bühne stets Anlass versteckter und offener Neugier sind, seine Wasserspielchen im bekannten Geraune und Gequassel – wie: Alle-Brünnlein-fliessen oder so ähnlich – jeder Wasserton ist anders, nie wie der vorher gegangene. Das ‚fliesst‘ ganz schön vielstimmig.

© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer

Es wird auch etwas über Schwitters‘ Schicksal erzählt. Wie schlau er seine Texte zu vermarkten verstand, was einen ja über die Maßen freut. Elegant war er sowieso. Und der sprach von der geliebten Freundin: „Blau ist die Farbe deines gelben Haares“, Zeilen, die einen Maler zum Leuchten bringen. Ich frage Holger Mertin, wie er auf die Idee kam, diesmal Wort und Rhythmus zusammen zu bringen.

„Bisher waren Drums and more nur Instrumentalkonzerte und es ging jetzt darum, auch das vokale Element einmal herein zu holen, eine ganz andere Klangfarbe.“ Ob dabei viel improvisiert wird?

„Es ist auch immer Interaktion mit dem Publikum, der Stimmung…Man weiß nie, wo die Reise hingeht. Das sagt auch das Wort Performance, mit also auch visuellen Elementen.“

Holger Mertin ist selber Autor, schreibt, macht Workshops.

„De facto ist das alles sehr ähnlich. Es ist die Sprache nur ein unterschiedlicher Kanal, durch den Ausdruck zustande kommt. Das kann das Wort, das kann der Gesang sein, es kann Schlagzeug-, Gitarrespielen sein, kann Malen, Tanzen sein. In diesem Fall hier sind die Texte Ausgangsmaterial, worauf sich dann die Musik aufbaut. Die Texte geben den Impuls. Das ist wirklich neu in der Reihe. Der Impuls wird auch wieder zurück geben an Mix, der gesanglich unterwegs ist … Im Prinzip ist es wichtig, dass wir improvisatorisch Freiraum haben. Also Freiraum im FREIRAUM!“

© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer

Die Bühne ist hier eine Art Altar, auf dem sich die Drei der höchsten Dada-Qualität tiefgläubig verschrieben haben. Aber mit Temperament! Holger Mertin schabt auf seinen Trommeln Sandtöne, Mik zischt wie eine Schlange, manchmal klingt’s auch gezogen wie Gesänge in der Synagoge, ist jedoch keiner Religion untertan. Manches Wort wird rhythmisch zerlegt wie im Jazz-Scating. Der Musik- Ethnologe Mertin-Merlin macht Rhythmus teuflisch ganzkörperlich; ein Schlagen und Trommeln auf die Gliedmassen und die Oberschenkel, witzig kommt ein Schuhplattler als Assoziation herüber. Ein Spiel, das man noch nie gesehen hat, wild, wuchtig, ein bisschen Stepptanz kann es eventuell auch sein. Kinder würden es sofort verstehen und juchzen. Sind aber leider keine hier.

An der Wand hängen wunderbar gerahmt die Dadatexte, Originale von den Gedichten, auch alte Runen, mit Aufmerksamkeit vorbereitet. Hier tanzt die Sprache, das macht froh. Kein Gestammel des täglichen Blablas, das man auszuhalten hat. Da kommt eine Erinnerung, lange her. Eines nachts nach nicht zu knappem Bechern in einem Club mit Jazz-Freunden um Jaki Liebezeit zogen wir in Holger Czukays Atelier. Wir veranstalteten da ein Konzert. Improvisiert mit Messern, Scheren, Löffeln, Schüsseln und Frühstücksbrettchen, dazu eigenen Urlauten. War schön. Bis der Hausherr die Gesellschaft aufhob, indem er zum heller werdenden Fenster blickte und sagte: „Der Morgenstern, die alte Sau.“ Da sind wir endlich heim gegangen. War’s Dada?

Ingeborg Drews

Qualitätsdada: ‚Von Seepferdchen und Flugfischen‘ gab es am 9. Mai 2010 im Freiraum.

Qualitätsdada: ‚Von Seepferdchen und Flugfischen‘
mit Holger Mertin (Percussion)
Walter L. Mik (Sprecher)
Marcus Quabeck (Kontrabass)

Das Trio präsentierte sein neues dadaistisches Programm mit Texten von H. Arp, H. Ball, K.Schwitters u. O. Nebel

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